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Trauer

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  • Beitrags-Kategorie:Potami

Heute haben wir unseren zweiten Hund verloren.
Floh, der Erste, hat sich vor gut einem Monat unter die Rosen gelegt, die Augen für ein Nickerchen geschlossen und nie mehr geöffnet. Er war schon im entsprechenden Alter und es war abzusehen das er nicht mehr lange bei uns bleiben wird.

Heute wurde Lia beim Spazierengehen von fünf Hunden eines Schäfers angegriffen und so schwer verletzt, das ihr nicht mehr geholfen werden konnte.

Wenn ein geliebtes Wesen in deinen Armen stirbt, löst das unendliche Trauer aus.
Ich möchte euch hier beschreiben wie ich damit umgehe.
Vielleicht hilft es ja jemand in einer ähnlichen Situation.

Ich bin mit Lia bei der Tierärztin und sie kann nichts mehr für sie tun, außer ihr Leid zu beenden.
Ich stimme zu.
Als ihr letzter Atemzug verweht steigt unendliche Trauer in mir hoch.

Reiß dich zusammen! Sagt eine Stimme in mir.
Ich entscheide mich nicht zusammenzureißen und erlaube meine Gefühle.

Ich streichle ihren toten Körper und weine.
Solange es eben dauert.
Dann fasse ich mich wieder, erledige den Papierkram und bringe Lia ins Auto.

Es kommen immer wieder Wellen der Traurigkeit und ich erlaube mir zu weinen.

Wut steigt auf.
Ich ruf den Schäfer an, sage ihm was geschehen ist und beschimpfe ihn.
Ich beende den Anruf während des Gesprächs.
Ich entscheide mich nicht mit der Wut zu identifizieren.
Ich bringe Lia heim und beerdige sie. Gleich neben Floh.

Wieder steigt Zorn in mir auf, mischt sich mit Mordgedanken.
Ein Teil in mir möchte die anderen Hunde alle erschießen.

Aber ich entscheide mich nicht mit diesen Gedanken zu identifizieren.
Ich erlaube sie, beobachte sie, und lasse sie ziehen.

Ich bleibe bei mir. Zentriert. In meiner Mitte.

Ich bedanke mich immer wieder bei Lia für die gemeinsame Zeit und erlaube jede Welle der Traurigkeit, des Zorns und der Wut.
Alles kommt, ist, und ebbt ab.

Es ist wie es ist.
Es gibt im Leben nur Ereignisse und Situationen.
Jede Bedeutung projizieren wir selbst hinein.
Und was wir hineinprojizieren hängt davon ab wie wir die Welt sehen, wo wir uns in diesem Kontext sehen, ob wir uns als Schöpfer unseres Lebens sehen oder als Opfer, woran wir glauben oder nicht glauben, ob wir Feindbilder haben oder nicht, …

Und deshalb hat ein und das selbe Ereignis für 100 Menschen 100 verschiedene Bedeutungen

Es war eine unglückliche Begegnung und ich entscheide keine Schuld zu verteilen.
Weder an den Schäfer noch an die Hunde noch an mich.
Denn ich möchte mich nicht als Opfer fühlen.

Es ist wie es ist.
Keinen Schuldigen zu suchen erleichtert den Prozess der Trauer ungemein.
Die Energie bleibt bei dir und Heilung geschieht.

Vielleicht offenbart sich noch ein höherer Sinn.
Aber auch den projiziere ich dann wahrscheinlich selbst hinein.