Rotbäckchen und der böse Wolfgang

Rotbäckchen und der böse Wolfgang

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Einst in einem Dorf in einem abgelegenen Königreich lebte Rotbäckchen mit ihrer Familie.
Es war ein kleines Dorf. Die Menschen verrichteten ihr Tagwerk und alle waren eins mit sich und dem Leben das sie führten.

Eines Tages aber ritten die Herolde des Königs herbei. Sie verkündeten eine Seuche sei ins Land gezogen und schreckliches geschieht. Sie überträgt sich mit dem bösen Blick und schlechten Atem und wenn man sie hat, bekäme man ein Mal am Nacken und ginge schrecklich zu Grunde. Ein jeder soll von nun an in seiner Behausung bleiben, sich nicht mehr mit den Anderen treffen und Mund und Nase schützen. Von nun an, proklamierten die Herolde, ist es nur mehr für das Allernötigste erlaubt ins Freie zu gehen und wen man ohne triftigen Grund ergreift, der werde streng bestraft.

Die Bewohner des Dorfes fügten sich.
Die Herolde des Königs machten ihnen Angst.
Sie zogen sich in ihre Hütten zurück, verriegelten die Fenster und trauten sich nicht mehr vor die Tür. Die Frauen begannen Tücher zu nähen, die sie sich die Menschen vor Mund und Nase banden, die Kinder hörten auf zu spielen und die Männer berieten, wie sie sich gegen diesen Feind verteidigen könnten.

Das Lachen wich argwöhnischen Blicken, die herzlichen Umarmungen wichen Misstrauen und Angst voreinander.

Die Herolde kamen fortan drei Mal am Tag und verkündeten ihre Schreckensbotschaft. Sie ermahnten die Bürger, lasen die neuesten Erlässe vor und wiederholten immer wieder, all das sei nur zu ihrem Besten.

Die Menschen im Dorf gehorchten und taten alles um sich der schrecklichen Seuche nicht auszusetzten.

Nur Rotbäckchen sorgte sich um ihre Großmutter, die ein wenig abseits vom Dorf im Wald lebte.
Rotbäckchen besuchte sie jeden Mittwoch und Samstag. Sie brachte ihr Wein und Kuchen, unterhielt sich und spielte mit ihr und kehrte dann vor Einbruch der Nacht wieder ins Dorf zurück.

Nun war sie schon zehn Tage nicht mehr bei ihr und bat ihre Eltern doch gehen zu dürfen.
Ihre Eltern hatten jedoch große Angst. Angst, dass sie sich am Weg anstecken könnte und diese schreckliche Krankheit mit nach Hause bringt. Sie verboten ihr zu gehen.

Rotbäckchen hielt den Gedanken an die einsame Großmutter jedoch nicht länger aus, packte ihren Korb mit Wein, Dörrfrüchten und altem Brot, und schlich sich aus dem Haus.

Sie ging über die leeren Felder, in denen sonst die Bauern standen, zum Wald um die Großmutter zu sehen.

Als sie zum Haus kam war es seltsam still. Sie trat ein und rief „Großmutter, Großmutter, ich bin es, Rotbäckchen! Ich bringe dir Wein und Essen!“

Rotbäckchen wusste nicht, dass ihre Großmutter bereits vor Tagen an Einsamkeit starb.
Ein Vagabund, der böse Wolfgang, kam zufällig an der Hütte der Großmutter vorbei. Er sah die tote Frau in der Stube liegen, vergrub sie hinter dem Garten und machte es sich in der Hütte gemütlich. Als er die Stimme von Rotbäckchen hörte, erschrak er und versteckte sich schnell in Großmutters Bett.

Aus dem Schlafzimmer der Großmutter ertönte eine heisere Stimme „Ach ja, gutes Kind, stell es draußen hin, ich liege im Bett, mir geht es nicht gut.“

Rotbäckchen sorgte sich und rannte ins Schlafzimmer.
Sie sah sie im Bett. Die Decke bis über die Nase gezogen, die Schlafmütze tief im Gesicht.

„Aber Großmutter“, sagte Rotbäckchen, „warum hast du so entzündete Augen?“

„Das kommt vom vielen Desinfektionsmittel“, antwortete die Großmutter.

„Aber Großmutter, warum hast du so eine heisere Stimme?“ fragte Rotbäckchen.

„Das kommt von dem Tuch, dass ich mir täglich vor den Mund binde“, antwortete die Großmutter.

„Aber Großmutter, was ist das für eine Schwellung in deiner Lende?“, fragte Rotbäckchen.

„Das ist……..“ und da packte sie der böse Wolfgang, zog sie ins Bett, riss ihr die Kleider vom Leib und verging sich an ihr.

Rotbäckchen hatte große Angst.
Nicht das sie schwanger werde, sondern dass er ihr die Maske vom Gesicht reißt und ihr die Krankheit überträgt.

Die Herolde haben gut gearbeitet. Sie taten ihr Bestes um die Menschen in der Angst zu halten.
Und Menschen, die in Angst leben, sehen nicht mehr was wirklich geschieht.
Sie sind so auf das was sie fürchten fixiert, das sie alles andere einfach ausblenden und übergehen.

Die Monate zogen ins Land.
Das Vieh auf der Weide verlief sich, weil es den Hirten verboten war sie zu führen.
Die Ernte auf den Feldern verfaulte, weil sich niemand mehr traute sie einzubringen.
Viele Menschen bekamen das Mal im Nacken.
Aber nur wenige wurden krank. Und noch weniger starben.

Große Not machte sich breit.
Unmut regte sich im Volk. Nichts von all dem womit die Herolde drohten ist geschehen.
Man hielt Versammlungen ab und wollte den König für das Leid, das er über das Volk brachte, zur Verantwortung ziehen.

Dieser jedoch meinte er habe es nur gut gemeint und sein Bestes getan. Er berief sich auf seine Berater, schob ihnen die Schuld zu und ließ einen nach dem anderen köpfen.

Als der letzte Berater hingerichtet war und das Volk immer noch tobte, schlich sich der König heimlich aus dem Land und ward nie wieder gesehen.

Die Menschen in dem kleinen Königreich begannen wieder ganz von vorne.
So viel von dem das sie sich so mühsam aufbauten war zerstört.
So viel Leid kam übers Land für – ja warum eigentlich?

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann ärgern sie sich noch heute.